Between Shades of Gray – Ruta Sepetys
5. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
Vorbemerkung: Diese Rezension ist zuerst beim Osteuropakanal erschienen. Der Redaktion danke ich noch einmal ganz herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars!
Es kommt selten genug vor: Man klappt ein Buch nach der letzten Seite zu und hat einen Riesen-Kloß im Hals, weil die Geschichte einfach so traurig, tragisch, schön, herzerwärmend und hoffnungsvoll war.
Traurig und tragisch? Nun, es ist eine Geschichte über den Gulag. Lina und ihre Familie werden dorthin in den 1940er Jahren aus dem litauischen Kaunas deportiert, zusammen mit vielen anderen Balten nach der sowjetischen Okkupation.
Sepetys spart nicht an Beschreibungen der Unmenschlichkeit und des Grauens: Hunger, harte Arbeit, menschenunwürdige Unterkünfte, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen und Schikane, Eiseskälte und Krankheiten. Die Verhafteten wissen oft nicht einmal, aus welchem Grund sie ins Lager gesperrt wurden. Im Falle von Lina, ihren Bruder Jonas und ihrer Mutter bedeutet das: Sie landen erst in einem Lager im sibirischen Altai-Gebirge, ehe sie weiter in den Norden, jenseits des Polarkreises, deportiert werden, wo es nicht einmal richtige Hütten gibt. In der ganzen Zeit kennen sie weder ihre Anklage noch wissen sie, was mit Linas Vater geschehen ist, der wenige Tage vor ihnen verhaftet wurde.
Und wo bleibt da der Platz für Schönes oder Hoffnungsvolles? Lina und ihre Familie geben nicht auf. Was immer ihnen auch passiert, sie sind bereit, durchzuhalten, um bald wieder in ihren gewohnten, bürgerlichen Alltag zurückkehren zu können. Für Lina ist es insbesondere ihre Kunst und ihre Liebe zu Andrius, der ebenfalls deportiert wurde, die ihr die Kraft zum Überleben geben. Auch gibt es große Solidarität zwischen den Litauern im Lager. Man versucht, einander zu helfen, wo es möglich ist, teilt die knappen Nahrungsmittel und feiert Feste gemeinsam. Doch zwischen allem schleicht sich immer wieder das Unheil ein: Einige schaffen es eben doch nicht, sterben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten oder den Kugeln der Wachen. Dass man bis zuletzt nicht weiß, wie es für Linas Familie ausgehen wird, ist die große Stärke dieses Buchs: Zu leicht wäre es gewesen, eine kitschige, vorhersehbare Geschichte zu schreiben, der man das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende schon auf den ersten Seiten anmerkt. Gut, einige Charaktere sind tatsächlich für meinen Geschmack etwas zu schwarz-weiß gezeichnet (insbesondere Linas Mutter hätte man durchaus mal zugestehen können, auch mal durchzudrehen und nicht immer nur ständig selbstlos für andere da zu sein), aber glücklicherweise tut das der Geschichte als Ganzes keinen Abbruch.
Ohne wirklich alle historischen Details zu kennen, würde ich schätzen, dass die geschilderten Zustände realistisch sind. Unglaublich genug, dass es tatsächlich Menschen gab, die das alles überleben konnten. Wer das Baltikum kennt, weiß, dass die Erinnerung an die Deportationen noch sehr präsent sind; in Deutschland hat man verhältnismäßig wenig Wissen darüber. Umso wichtiger sind solche Bücher, die immer mal wieder gewisse historische Perioden ins Gedächtnis rufen und vielleicht dazu beitragen, das Andenken an die Opfer irgendwie wachzuhalten.
„Between shades of gray“ ist so ein Buch. Deswegen möchte ich es euch wärmstens empfehlen. Und ehe ihr auf den letzten Seiten ankommt, legt ein Taschentuch bereit. Ihr könntet es brauchen.
ISBN: 978-0-399-25628-8338 Seiten
Deutscher Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Philomel Books
€9,99
Die Sache mit dem Ich – Marc Fischer
27. April 2013 § 1 Kommentar
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Marc Fischer vorher nicht (bewusst) kannte. Diesen Tipp bekam ich von einem Kumpel und als ich mir das Buch dann besorgt hatte, las ich im Klappentext: Fischer ist ja schon längst tot. Tja, und das gerade dann, wo ich ihn ein bisschen für mich entdeckt hatte…
“Die Sache mit dem Ich” ist ein Sammelband von Kurzgeschichten und Reportagen, die Fischer bereits irgendwo anders veröffentlicht hatte und die postum noch einmal gesammelt herausgegeben wurden. Es sind Geschichten, die alle in Ich-Form geschrieben sind und bei denen man manchmal nicht so ganz sicher weiß, welche Teile jetzt tatsächlich so passiert sind und welche erfunden sind. Gerade diese Zwei- und Uneindeutigkeit hat mir gefallen: Man weiß natürlich, dass es die verrücktesten Stories gibt und dass meistens diejenigen Geschichten wahr sind, die am abgefahrensten sind – aber was ist jetzt wie einzuordnen?
Vielleicht hat Fischer das ja tatsächlich alles so erlebt. Es wäre großartig. Dabei soll kein falscher Eindruck entstehen: Es gibt hier nicht nur Skurriles zu lesen, sondern auch Lustiges, Melancholisches, Nachdenkliches, Erstaunliches. Bemerkenswerte Treffen mit Prominenten, eigenartige Rechercheaufträge, außergewöhnliche Erlebnisse auf Reisen. Oft gibt es eine Pointe obendrauf oder sogar eine kleine Moral, aber letzteres nie mit erhobenem Zeigefinger. Das ist schön.
Fischer ist wohl einer dieser Typen gewesen, denen man gerne einen Abend lang zugehört hätte und bei denen selbst die x-te Anekdote nicht langweilig wäre. Es tröstet mich, dass er mehr als diese Geschichten hier geschrieben hat. Immerhin.
ISBN: 978-3462044263 304 Seiten KiWi €14,99Das Ende einer Affäre – Graham Greene
22. April 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
Ja, ich habe hier tatsächlich noch einen schönen Halblederband aus den 1950ern ergattert – meine Eltern haben ihren Keller aufgeräumt und dabei einige Bücher zu Tage gefördert, die wohl mal meinem Opa gehört hatten. Irgendwer hatte in diesem Buch sogar manche Stellen mit Bleistift markiert, wer das wohl war…?
Der Ich-Erzähler in dieser Geschichte ist der Schriftsteller Maurice Bendrix. Maurice hatte in den letzten Kriegsjahren eine Affäre mit der verheirateten Sarah; diese beendete das Verhältnis damals, woraufhin sich die beiden zwei Jahre lang nicht mehr gesehen haben.
Eines Abends trifft Maurice jedoch Henry, Sarahs Mann. Henry ist ein eher biederer, man möchte sagen langweiliger, Beamter und eigentlich kann Maurice ihn aus naheliegenden Gründen nicht ausstehen, Trotzdem fragt er ihn, ob er mit ihm etwas trinken gehen möchte. Henry willigt ein und schüttet Maurice sein Herz aus: Er vermutet, dass Sarah ihn betrügen könnte – ob er nicht einen Privatdetektiv engagieren sollte, um seinen Nebenbuhler zu enttarnen?
Damit bringt er jedoch Maurice auf die Idee, der an Henrys statt den Detektiv, Mr. Parkis, aufsucht. Dieser beschattet Sarah schließlich und entdeckt, dass sie regelmäßig eine bestimmte Wohnung aufsucht.
Maurice wird zunehmend eifersüchtig, zumal er Sarah in der Zwischenzeit wieder gesehen hat. Er liebt sie letztlich noch immer und kann den Gedanken nicht ertragen, einen weiteren Nebenbuhler zu haben.
Mr. Parkis gelingt es sogar, ihm Sarahs Tagebuch zu beschaffen. In der Folge kann Maurice – gleichfalls auch für uns Leser – die Affäre von damals rekapitulieren und erkennen, welche Sicht Sarah auf die Dinge und auf die Zeit danach hatte. Diese Rückblenden kommen übrigens im Laufe des Buches selbst immer wieder vor. Auf diese Weise fügt sich nach und nach ein Bild der Affäre – und ihres Endes – zusammen und man versteht nach und nach die Beweggründe der Handelnden.
Ich muss leider gestehen, dass ich – trotz sehr interessanter Charaktere und einer guten und spannenden Geschichte – nicht so richtig in die Handlung reinfinden konnte. Das lag vielleicht an den immer wieder eingestreuten, philosophischen Abhandlungen über Gott und die Liebe, die zum letzten Drittel hin zunehmen und denen ich nicht immer so ganz folgen konnte. Ehrlich gesagt: Sie haben mich auch nicht so sehr interessiert, als dass ich mich besonders angestrengt hätte.
Wahrscheinlich war das mein Fehler, wahrscheinlich sollte man dieses Buch, das ansonsten wie gesagt durchaus interessant ist, nur dann lesen, wenn man grade für solche Themen empfänglich ist und auch gerne mal dickere Bretter bohrt.
Ich möchte nicht ausschließen, dass ich das Buch in ein paar Jahren nochmal lesen werde. Vielleicht war es momentan auch einfach nicht die richtige Phase dafür.
ISBN: 978-3423127769 256 Seiten Originaltitel: The end of the affair dtv €8,90In freiem Fall – Gianrico Carofiglio
21. April 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
Momentan scheine ich ein Talent dafür zu haben, Reihen bzw. Serien irgendwo in der Mitte anzufangen. Das liegt alles an bereits erwähnter Regalausmistaktion meiner Tante. Aber soweit ich das beurteilen kann, ists auch hier nicht allzu schlimm, zwischendrin einzusteigen.
Protagonist ist der Anwalt Guido Guerrieri, der gleichzeitig Ich-Erzähler ist. Er bekommt eines Tages die Anfrage, ob er nicht eine Frau dabei vertreten wolle, ihren Ex-Freund wegen häuslicher Gewalt vor Gericht zu bringen. Der Haken dabei? Besagter Ex ist Sohn eines angesehenen Richters in Bari – ein Prozess gegen ihn wäre aussichtslos, kein anderer Anwalt will Martina Fumai vertreten (der Filz, der Filz…). Doch Guido will der Frau helfen, alleine schon aus Gerechtigkeitsgefühl und weil er von Martinas Begleitung fasziniert ist: Die Nonne Claudia hat sie zu dem Anwalt begleitet, sonst arbeitet sie in dem Frauenhaus, in dem Martina untergekommen war. Claudia ist nicht wirklich eine typische Nonne, sie trägt nichtmal Habit. (Was ist das eigentlich immer mit den Nonnen, die nicht wirken wie Nonnen und deswegen angeblich so fasznierend wirken? Irgendwie ist mit das schon öfter mal untergekommen. Hat das man jemand untersucht, woher genau das kommt? Exkurs Ende)
Unterstützt nur on der Staatsanwältin Alessandra Mantovani macht sich Guido also an die Arbeit, von der ich gar nicht allzu viel erzählen möchte – ein bisschen Spannung soll schließlich noch bleiben.
“In freiem Fall” ist eine eher klassische Anwalts- bzw, Gerichtsstory, die zwar nicht mit besonderen oder spektakulären Wendungen aufwartet, die aber trotzdem (oder deswegen?) schön und interessant zu lesen ist. Guido ist sehr sympathisch und kommt einem auch menschlich näher, das mochte ich gerne. Was mich nur ein wenig gestört hat, waren kurze Passagen über Guidos Privatleben, die eigenartig in der Luft hängen – das sie nicht direkt mit dem Fall in Verbindung stehen, ist gar nicht mal tragisch, aber oft sind es nur Episoden über wenige Absätze und man fragt sich, wozu das jetzt erzählt wurde. Auch die manchmal etwas hölzerne Sprache (oder Übersetzung?) hat meinen Lesefluss manchmal ein klein wenig gestört.
Aber was solls: Schöne Geschichte, sympathischer Protagonist, da sollte man schließlich nicht allzu sehr meckern.
ISBN: 978-3442467082 224 Seiten Originaltitel: Ad occhi chiusi Goldmann €7,95Totengleich – Tana French
20. April 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
So so, es gibt also auch eine Art Frühjahrsmüdigkeit, was das Rezensieren von Büchern angeht; genauer gesagt handelte es sich in meinem Fall um eine ausgewachsene Schreibblockade. So wie es scheint, habe ich die aber fürs Erste überwunden (lange genug hat es schließlich gedauert) und ich hoffe, dass ich soweit alles Wichtige im Gedächtnis behalten habe.
“Totengleich” ist der Vorgänger zu “Sterbenskalt“, den ich letztes Jahr rezensiert hatte. Die Bücher der Serien sind aber nur lose miteinander verbunden. Frank Mackey, der im dritten Band die Hauptrolle spielt, ist hier der Chef der Protagonistin, Cassie Maddox.
Cassie ist eine talentierte Undercoveragentin. Bei ihrem letzten Einsatz wurde sie jedoch schwer verletzt und hat sich in eine Abteilung versetzen lassen, wo sie Fälle von Häuslicher Gewalt bearbeitet. Da bekommt sie einen Anruf: Sie solle an einen Tatort kommen und sich etwas anschauen. Ihr Freund Sam, der bei der Mordkommission arbeitet, klingt höchst besorgt, so dass sie sich sofort auf den Weg macht. Vor Ort versteht sie dann Sams Aufregung: Die Tote gleicht ihr bis aufs Haar. Sie wurde erstochen in einem kleinen, verfallenen Cottage gefunden, es gibt keine Hinweise, was passiert sein könnte.
Bald stellt sich heraus: Die junge Frau war Doktorandin an der Universität in Dublin und lebte gemeinsam mit vier Freunden in einem alten Herrenhaus auf dem Land. Die fünf schienen gerne unter sich zu sein, bildeten eine verschworene Gemeinschaft und verhalten sich natürlich während der Vernehmungen wenig kooperativ. Als sich herausstellt, dass sich Lexie – so der Name der Toten – im ersten Stadium einer Schwangerschaft befand und dass die fünf Studenten im benachbarten Dorf alles andere als beliebt waren, kommt Frank mit einer Idee um die Ecke: Cassie solle die große Ähnlichkeit mit Lexie nutzen und sich undercover in das Haus einschleichen. Den vier Freunden hat er praktischerweise erzählt, Lexie sei schwer verletzt und liege im Koma, es sei nicht möglich, sie zu besuchen, man würde sie aber auf dem Laufenden halten. Nur so, argumentiert Frank, könnte man wirklich herausfinden, was dort los war und wie Lexie ums Leben kam.
Cassie hat nach ersten Zweifeln schnell Blut geleckt und bereitet sich akribisch auf ihren Einsatz vor. Sie studiert Fotos und Handyvideos, um Lexie kennenzulernen und bestmöglich kopieren zu können.
Schließlich wird sie als die Genesene zurück in die WG gebracht und muss nun den Spagat hinbekommen, zum einen ihre Rolle möglichst gut zu spielen, zum anderen herauszufinden, wie und wieso Lexie sterben musste.
Die Fünf – neben Lexie noch Daniel, der Erbe des Hauses, Rafe, Justin und Abby – sind ein eingeschworenes Team. Kaum ein Moment, den sie nicht gemeinsam verbringen, kaum ein Augenblick im Tagesablauf, der nicht durchgetaktet wäre und in dem alle eine beeindruckende Eingespieltheit beweisen. Cassei wird schnell klar: Die Freunde hatten sich ein Bollwerk gegen die Welt geschaffen und schaffen es – auch durch Regeln wie “Keine Vergangenheit!” – sich ihre eigene kleine Familie zu schaffen. Sie scheinen auf den ersten Blick wahnsinnig harmonisch und zufrieden zu sein, ehe es deutlich wird, dass hinter dieser Fassade irgendetwas brodelt und zu immer größeren Spannungen führt. Noch dazu wird sie den Verdacht nicht los, dass Daniel irgendeinen Verdacht geschöpft hat…
Mir gefällt diese Reihe zunehmend. Cassie war mir sehr sympathisch, ich würde ihr gerne noch einmal wieder begegnen. Die Story dieses Bandes war sehr spannend und gut konstruiert, wenn es auch zwischendurch einige Längen gab. Aber die Idee, die dem Ganzen zugrunde liegt, ist mal eine neue, und alleine deswegen lohnt sich die Lektüre. Mehr von Tana French, bitte!
ISBN: 978-3596175437 784 Seiten Originaltitel: Likeness Fischer Taschenbuch €8,95Die unsichtbaren Stimmen – Carolina De Robertis
18. März 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
Mit dieser Art von Familiensaga à la “Wir porträtieren hier ein paar Generationen starker Frauen einer Familie” kann man ja auch danebengreifen. Schnell wird das Ganze kitschig. Diese Geschichte (die ich übrigens schon vor einem Jahr zum Examen geschenkt bekam) ist dagegen ein Positivbeispiel und hat mir wirklich gut gefallen.
Es beginnt mit Pajarita, die um die Wende zum 20. Jahrhundert in einem kleinen Dorf in Uruguay zur Welt kommt. In diesem Dorf heißt es, dass zu jeder Jahrhundertwende dort ein Wunder geschieht. Pajarita nun ist nicht gerade ein Wunschkind, ihr Vater setzt sie als Säugling irgendwo aus. Sie wird für tot gehalten und verblüfft die Dorfbewohner eines Tages, als sie auf einem hohen Baum sitzt und von dort herunterfällt – oder -fliegt, wie auch immer.
Als Pajarita älter wird, verdreht sie einem jungen Mann den Kopf, der mit einem Wanderzirkus in ihrem Dorf vorbeikommt. Ignazio, so heißt er, hält um ihre Hand an und nimmt sie nach der Hochzeit mit nach Montevideo. Er, der Venezianer, kam eigentlich mit dem Traum nach Uruguay, dort Gondeln zu bauen, wie es schon sein Vater in Venedig getan hat. Dass daraus vorerst nichts wird, setzt ihm zu und er verfällt dem Alkohol und dem Glücksspiel. Schließlich lässt er Pajarita zusammen mit den mittlerweile vier gemeinsamen Kindern sitzen. Diese sorgt für die Familie, indem sie Heilkräuter verkauft und den Frauen der Nachbarschaft bei allen körperlichen und seelischen Leiden zu helfen versucht.
Ignazio taucht wieder auf, die Kinder werden größer, wenden wir uns also der jüngsten Tochter Eva zu. Diese wird mit elf bereits von der Schule genommen, um im Schuhgeschäft von Ignazios altem Freund zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch besagter Freund belästigt und missbraucht sie, so dass sie es nicht mehr aushält und den Job hinschmeißt. Als ihr Jugendfreund Andrés ihr erzählt, er wolle nach Buenos Aires gehen und dort sein Glück versuchen, folgt sie ihm kurzerhand, auch in der Hoffnung, dass er ihre Gefühle erwidert. Doch ach: Kaum, dass sie sich überwunden und ihm ihre Liebe gestanden hat, verschwindet Andrés und gibt ihr damit auch klar zu verstehen, dass er sie nicht lieben kann. Soviel kann schonmal verraten werden: Die beiden wären nicht so eingeführt worden, wenn sie sich nicht noch einmal begegnen würden, später in der Geschichte. Und das war dann doch noch eine (schöne) Überraschung.
Aber zurück zur Chronologie: Der Weggang von Andrés trifft Eva tief, sie bekommt psychische Probleme und landet im Krankenhaus, wo sie auch schon bald ihren behandelnden Arzt, Dr. Roberto Santos, für sich begeistern kann. Dieser lässt kurzerhand seine standesgemäße Verlobte sitzen und macht ihr einen Antrag. Eva wird nun also zur repräsentativen Ehefrau, die Gedichte verfasst und ihrem Mann zwei Kinder schenkt (Funfact: Bei der Entbindung von ihrer Tochter Salomé ist ein Medizinstudent zugegen, der sich als Ernesto Guevara vorstellt… Der Typ von den T-Shirts also. Schönes Detail.). Doch als die politische Situation brenzliger wird, muss die Familie ins Exil nach Uruguay gehen. Dort kommen sie zwar bei Evas Familie unter, doch Roberto zieht es bald wieder zurück nach Argentinien. Als Eva sich dagegen entscheidet, mit ihm mitzukommen, trennen sich die beiden.
Auftritt Salomé. Die Tochter von Eva wächst in politisch unruhigen Zeiten auf. Durch eine Schulfreundin kommt sie in Kontakt mit einer Gruppe von Tupamaros, einer Guerillabewegung. Nach einigen erfolgreichen Aktionen geht jedoch etwas schief und Salomé wird mit einigen anderen verhaftet. Im Gefängnis wird sie gefoltert und vergewaltigt, sie wird dort ohne richtigen Prozess festgehalten und kennt ihr Urteil nicht. Ihre Kampfgefährtinnen sitzen mit ihr ein, und bald planen sie die gemeinsame Flucht durch die Kanalisation. Doch Salomé merkt, dass sie schwanger ist und will deswegen nicht an der Fluchtaktion teilnehmen. Ihre Tochter wird im Gefängnis geboren und mit Hilfe der Kampfgefährten in sichere Hände gegeben. Als Salomé nach Jahren wieder entlassen wird, gilt es, etwas über den Verbleib der Tochter zu erfahren und sich wieder ihr eigenes Leben aufzubauen, was gar nicht so einfach ist, wenn man die meiste Zeit seiner Jugend im Gefängnis verbracht hat…
Man merkt schon: Jede Menge Schicksal steckt auf diesen Seiten, und es ist wirklich eine Leistung, dass das hier nicht zu melodramatisch geworden ist. Aber de Robertis hat es geschafft, eine schöne, traurige, ergreifende und poetische Geschichte daraus zu machen. Sehr gut gefallen hat mir die Vielschichtigkeit ihrer Charaktere: Es gibt hier nicht, wie so oft, nur schwarz und weiß, sondern ihre Hauptpersonen machen auch mal Fehler, verhalten sich irrational und hadern mit ihrem Schicksal. Das machte die Geschichte sehr glaubwürdig; man hat das Gefühl, dass es tatsächlich reale Personen gewesen sein könnten, die hier zum Leben erweckt werden.
Noch dazu lernt man ein wenig über die uruguayische und argentinische Geschichte im 20. Jahrhundert. Empfehlenswert!
ISBN: 978-3596184811 464 Seiten Originaltitel: The Invisible Mountain Fischer Taschenbuch €9,95Zweier ohne – Dirk Kurbjuweit
10. März 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
Meine These war ja: Die eher schlechten Bewertungen zu diesem Buch sind wohl der Tatsache geschuldet, dass es zumindest in einigen Bundesländern Schullektüre ist… oder? Mal sehen…
In diesem recht schmalen Büchlein geht es um zwei Freunde: Johann und Ludwig lernen sich kennen, als Ludwig neu in die Klasse kommt. Dort scheint es dazuzugehören, möglichst viele Telefonnummern zu sammeln, an denen sich dann die Beliebtheit messen lässt. Ludwig sammelt fleißig, ruft aber schließlich Johann – den Ich-Erzähler – an. Sie tasten sich erstmal etwas aneinander heran, werden dann jedoch beste Freunde und unternehmen viel gemeinsam. Letztlich werden sie unzertrennlich – eine Entwicklung, die vor allem von Ludwig ausgeht. Ludwig möchte, dass Johann sein Zwillingsbruder wird. Er will eins werden mit ihm, immer die gleichen Erfahrungen machen und immer das gleiche wollen. Die genauen Gründe für diesen Wunsch bleiben jedoch unklar.
Bei ihrem gemeinsamen Sport, dem Rudern, ist dieses Aufeinandereinstimmen sehr nützlich, die beiden werden aufgrund ihrer Eingespieltheit wirklich gut und gewinnen einige Rennen. Doch das genügt Ludwig nicht, er möchte, dass Johann und er eine Person werden, nicht mehr zu unterscheiden, gleich in jeder Hinsicht. Als schließlich Mädchen und Sex interessant werden, gibt es für die beiden nur eine Lösung, ihre Erfahrungen zu machen: Ludwig bringt eines Tages ein Mädchen mit, Josefina, die einen eindeutigen Ruf an der Schule genießt. Ohne es genau auszusprechen, wissen beide, was zu tun ist: Zunächst geht Ludwig mit ihr auf sein Zimmer, um mit ihr zu schlafen, danach ist Johann dran. (Ja, das ist Schullektüre! Wie schön es ist, in aufgeklärten Zeiten zu leben!
)
Doch als Johann etwas später eine Affäre mit Ludwigs Schwester Vera beginnt, ist ihm auch bewusst: Damit kündigt er den Pakt mit Ludwig auf. Er tut es in aller Heimlichkeit, natürlich, und beobachtet, wie Ludwig gleichzeitig immer extremer in seinem Verhalten wird. Er neigt zu immer gefährlicheren Aktionen, fängt schließlich vor einem wichtigen Wettkampf an, unkontrolliert zu essen, obwohl sie ein gewisses Maximalgewicht nicht überschreiten dürfen. Fast schon klar ist, dass Johann als Ausgleich streng fastet und sie schließlich gerade so unter der Gewichtsgrenze bleiben.
Ein immer wiederkehrendes Element in diesem Buch ist die Autobahnbrücke, die das Tal überquert, in dem der Wohnort der beiden liegt. Die Jungs klettern von Anfang an oft die Böschung hinauf, um den Autos zuzuschauen, später wird die Brücke Schauplatz von Ludwigs immer wagemutigeren Aktionen, zu denen er Johann wiederholt anstiften kann. Später wird eine Schulkameradin entführt und in einem der Brückenpfeiler in einem kleinen Verlies gefangen gehalten, bis ihre Eltern das Lösegeld zahlen. Und da sind noch die Selbstmörder, die von der Brücke springen und mehr als einmal im Garten von Ludwigs Familie landen. Am Anfang, als ein junges Mädchen dort liegt, wird noch die Polizei gerufen, die Leiche wird abgeholt. Dann springt eines Nachts ein Mann, und hier sitzen Ludwig und Johann die ganze Nacht bei der Leiche und denken sich die Lebensgeschichte des Mannes aus. Sie verstecken die Leiche und erzählen niemandem davon.
Ich glaube, es wird deutlich, dass diese Geschichte nicht auf ein gutes Ende zusteuern kann. Insofern ist das, was kommt, nicht überraschend und nur konsequent. Was ich sonst von dem Ganzen halten soll? Ich bin wirklich etwas ratlos. Zum einen kann man hier durchaus über die Gefahren von ungleichen und manipulierenden Freundschaften oder Beziehungen diskutieren. Man kann die Beziehung (Freundschaft will ich es gar nicht nennen) zwischen Ludwig und Johann als Extrembeispiel sehen. Johann gibt mehr als einmal seine Gedanken als die von Ludwig aus und umgekehrt, handelt in vorauseilendem Gehorsam, tut alles, um den Prozess des Eins-Werdens nicht zu gefährden, distanziert sich aber durch die Beziehung zu Vera auch wieder ein stückweit davon oder treibt ihn zumindest nicht ganz auf die Spitze.
Auf der anderen Seite durchzieht dieses Buch eine sehr niedergedrückte Stimmung. Selbst wenn die beiden Protagonisten eine gute Zeit haben, das Dunkle lauert immer schon im Hintergrund. Für mich war es irgendwie immer diese Brücke, die so bedrohlich wirkte, die alles überragt, in deren Schatten alles stattfindet und von der aus immer diese Selbstmörder in den Garten springen. Letzteres ist ja fast schon absurd, zumal in der Szene, als Johann und Vera zusammen unter der Brücke im Gras liegen und sich Johann überlegt, wie gefährlich das doch ist, ein Selbstmörder könnte ja direkt auf sie drauffallen.
Mich hat dieses Buch sehr zwiegespalten zurückgelassen. Wie gesagt, die Themen, die man damit ansprechen kann, sind durchaus wichtige und interessante. In seiner Gesamtheit ist die Geschichte aber ziemlich depri und irgendwie… ja, was eigentlich? Trostlos trifft es vielleicht am ehesten. Ein sehr eigenartiges Buch.
ISBN: 978-3462040265 144 Seiten Kiepenheuer & Witsch €6,99