Sorry – Zoran Drvenkar
Januar 26th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar
So, ich bin auch wieder da. Hatte vor ein paar Tagen meine letzten Prüfungen, bin jetzt also offiziell und endlich mit dem Studium fertig und genieße grade meine freie Zeit, ehe es dann losgeht mit Umzug und Bewerbungen schreiben.
Entsprechend kam ich auch in den letzten Wochen nicht so richtig zum Bloggen (zum Lesen genauso wenig), hatte jedoch immernoch diese Rezi auf Halde. Bitteschön:
Zuerst einmal: Dieses Buch ist, was die Gewaltdarstellungen anbelangt, stellenweise schon sehr explizit, und das ist es auch, was es mir ein bisschen verdorben hat. Die Geschichte ist nämlich eigentlich echt gut, die Grundidee und der Aufbau haben mir gut gefallen.
Ich wollte grade schreiben, dass ja alles recht harmlos anfängt, dabei stimmt das gar nicht. Schon der Prolog enthält ein paar ekelige Szenen – aber eigentlich ganz gut, denn in diesem Stil geht es weiter, deswegen kann man sich ja schonmal drauf einstellen und könnte zur Not noch aussteigen.
Aber gut, jedenfalls ist der Beginn der eigentlichen Handlung recht harmlos. Vier Freunde – Tamara, Frauke und die beiden Brüder Kris und Wolf – haben an einem bekifften Abend eine gute Geschäftsidee: Wie wäre es, eine Agentur zu gründen, die sich für andere entschuldigt? Viel Startkapital braucht es nicht, keiner der vier hat einen wahnsinnig tollen Job, den aufzugeben für dieses Wagnis ein zu großes Risiko wäre, sie schalten also einfach ein paar Anzeigen und warten ab. Scheinbar hat die Welt auf diese Dienstleistung gewartet, denn schon bald haben sie prall gefüllte Auftragsbücher und suchen im Namen ihrer Auftraggeber entlassene Mitarbeiter, geprellte Ex-Geliebte und dergleichen auf, um sich zu entschuldigen und eine eventuelle Wiedergutmachung auszuhandeln. Sie können sich bald eine Villa am Wannsee leisten, richten diese halb als Büro, halb als WG her und können selbst gar nicht so recht glauben, das ihr bisher eher mäßiges Leben so eine Wendung erlebt hat.
Nur Wolf hat eines Tages das Pech, von einem Auftraggeber in eine verlassene Wohnung geschickt zu werden, wo er sich – bei der Leiche einer Frau entschuldigen soll. Und danach sollen dann die vier Freunde bitteschön die Leiche entfernen. Damit sie auch wissen, dass es der Auftraggeber ernst meint, finden sie Fotos, die der Täter offenbar von ihren Eltern und von Tamaras Tochter gemacht haben – er scheint also genau zu wissen, wer sie sind und wo er sie finden kann. Und da sie gesehen haben, zu was er fähig ist, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die tote Frau mitzunehmen und die Leiche irgendwo loszuwerden. Aber damit ist es nicht genug, denn scheinbar scheint der Täter Gefallen daran zu finden, die Freunde in absurde Psychospielchen zu verwickeln, um ihnen irgendeine Lektion zu erteilen.
Ich muss mich hier etwas bremsen, sonst fang ich noch an zu spoilern. Ich schrieb ja bereits: Die Grundidee ist super, die Geschichte nahm für mich nach einem etwas verwirrenden Anfang auch Fahrt auf, aber diese zu expliziten Darstellungen von Gewalt, sexuellem Missbrauch und anderen Widerlichkeiten haben es mir ein bisschen vermiest. Die Geschichte, die hinter dem Ganzen steht, offenbart üble menschliche Abgründe und zerstörte Leben, und sowas ist für sich genommen ja schon heftig genug. Ob es da noch anschauliche Beschreibungen des Ganzen braucht, sei dahingestellt, für mich eigentlich eher nicht.
Interessant ist jedoch, dass es zahlreiche verschiedene Erzählebenen gibt: Der Großteil der Geschichte wird aus der Perspektive von einem der vier Freunde erzählt, daneben gibt es noch eine Ebene mit Ich-Erzähler sowie eine, die in der 2. Person Singular geschrieben ist. UND es gibt noch die Perspektive eines „Mannes, der nicht da war“. Spannende Sache. Hilft zwar nicht beim Einsteig, aber man hat dafür ein schönes Gefühl, wenn sich gegen Ende ein Puzzleteil nach dem anderen an seinen Platz fügt.
Außerdem spannend, wie sich verschiedene Zeitebenen zu einem stimmigen Bild fügen und man sieht, wie sich die einzelnen Wege der Protagonisten – mit oder ohne Namen – bereits zu Beginn kreuzen, ohne dass jemand ahnt, wohin das alles noch führen wird.
Drvenkar versteht sein Fach schon, und ich würde gerne nochmal was von ihm lesen, nur eben bitte ohne soviel Gewalt. Denn ansonsten war es echt eine coole, spannende, durchdachte und überraschende Geschichte.
ISBN: 978-3548281834 400 Seiten Ullstein Taschenbuch €8,95Gastrezension: Aschenputtel – Kristina Ohlsson
Januar 7th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar
Die Bloggerin und passionierte Leserin hat natürlich in ihrer Wahrnehmung einen Filter, der alle Statusmeldungen und Meinungen zum Themenkreis „Bücher und Lesen“ mit höchster Priorität versieht. Als dann meine Freundin Janina neulich bei Facebook schrieb, sie würde gerade mit Freude „Aschenputtel“ von Kristina Ohlsson lesen, dachte ich natürlich: „Gastrezension!“ Ich habe sie gefragt, und prompt hat sie eine geschrieben! Bitteschön:
Es ist Sommer in Schweden, als ein kleines Mädchen spurlos aus einem Zug verschwindet. Ein paar Sandalen – das ist alles, was von dem Kind im Zugabteil gefunden wird, und obwohl der Zug voll besetzt war, hat niemand gesehen, wie das Mädchen verschwand und wer es mitgenommen hat. Zunächst glaubt das Ermittlerteam um Kommissar Alexander Recht, es handele sich um einen Routinefall. Als jedoch die Mutter des Mädchens eine grausige Postsendung erhält, überschlagen sich die Ereignisse und die Stockholmer Polizei sieht sich mit einem Täter konfrontiert, der nicht nur kaltblütig vorgeht, sondern auch jegliche Spuren zu verwischen weiß. Da ist auch der analytische Verstand von der neuen Kollegin Fredrika Bergman gefragt, obwohl ihre Kollegen bei der Stockholmer Polizei mit ihrer Arbeitsweise noch einige Probleme haben.
Kristina Ohlsson gelingt es, eine spannende Kriminalgeschichte so langsam zu entfalten, dass es dem Leser erst genauso spät wie den Ermittlern dämmert, wer der Täter oder auch was überhaupt sein Motiv sein könnte. Scheinbar zusammenhangslose Verbrechen ergeben am Ende ein ebenso faszinierendes wie erschütterndes Muster und führen zu einem Täter, dessen Vergangenheit ihn selbst zum Opfer gemacht hat.
Perspektivenwechsel und eine einfühlsame wie humorvolle Darstellung der einzelnen Charaktere und dem Spannungsverhältnis zwischen ihren Privatleben und ihren beruflichen Verpflichtungen lassen diesen Roman zu weit mehr werden als der Erzählung eines Kriminalfalls. Er beleuchtet die Abgründe menschlicher Gefühle und Motivationen und lässt den Leser mit dem unguten Gefühl zurück, dass selbst die schlimmsten Motive wenn nicht nachvollziehbar, dann doch erklärbar, werden könnten.
Janina Ziesche
ISBN: 978-3-8090-2591-7 480 Seiten Originaltitel: Askungar Limes €19,99Im Auftrag der Väter – Oliver Bottini
Januar 6th, 2012 § 2 Kommentare
Wie bereits angekündigt, wollte ich nach dem zweiten Bottini den dritten nicht allzu lange warten lassen – deswegen ein dickes Dankeschön an Annina, die mir kurzerhand ein Exemplar zugeschickt hat!
Über ein Jahr ist vergangen seit den letzten Ermittlungen von Louise Bonì, die mir – soviel kann ich ja schonmal verraten – mit jedem Band mehr ans Herz wächst. Trocken ist sie zwar immernoch, jedoch ist noch nicht allzu viel Ruhe in ihr Leben eingekehrt. Ihr Wohnhaus wird umfangreich umgebaut, so dass sie quasi auf einer Baustelle haust und ihre aktuelle Männerbekanntschaft Marcel seinen Rotwein draußen auf dem Gerüst trinken muss.
Und prompt bekommt die Freiburger Kripo einen neuen, sehr seltsamen Fall übertragen: Eine Familie alarmiert die Polizei, weil ein Mann in ihren Garten eingedrungen ist – zunächst macht er nichts außer ins Fenster zu schauen, doch in der Nacht kommt er zurück, dieses Mal bis ins Haus, und stellt Paul Niemann, dem Vater, ein Ultimatum: Dieses Haus gehöre nun ihm, deswegen solle die Familie innerhalb von sieben Tagen verschwunden sein.
Dann ist er wieder weg, und die Polizei steht vor einem Rätsel. Was passiert in sieben Tagen? Ist das hier nur ein Verrückter, der sich die Familie zufällig ausgesucht hat, oder gibt es tatsächlich Berührungspunkte in der Vergangenheit?
Der einzige Anhaltspunkt ist der Akzent des Mannes, der von Paul Niemann als russlanddeutsch beschrieben wird. Niemann arbeitet bei der Stadt Freiburg und hatte beruflich mit Russlanddeutschen zu tun. Hatte er dort mit jemandem Probleme, könnte er jemanden beleidigt haben, der sich nun rächen will? Niemann verneint, zieht sich zurück, schweigt am liebsten und starrt an die Wand. Nicht gerade hilfreich.
Die Spur zu den Russlanddeutschen erweist sich bald als wenig stichhaltig, dafür ergibt sich ein neuer Anhaltspunkt: Paul Niemann war in den 1990er Jahren in München an der Rückführung von Flüchtlingen des Balkankrieges beteiligt – widerwillig zwar, aber Louise glaubt, hier den Schlüssel für die seltsamen Vorkommnisse in der Hand zu halten. Und als dann noch das Haus der Familie Niemann bis auf die Grundmauern abbrennt, ist es klar, dass sie den geheimnisvollen Mann schnell finden müssen, denn offensichtlich hat dieser noch eine Rechnung mit Paul Niemann offen.
Tja, was soll ich sagen? Ich mausere mich zum Bottini-Fan. Ich mag die leicht melancholische Grundstimmung hier – dazu passt natürlich der neblig-trüb-regnerische Freiburger Oktober als Kulisse wunderbar. Die Spannungskurve flacht zwischendurch auch mal wieder ab und ist selten so nervenzerfetzend, dass man unbedingt weiterlesen MUSS – aber ich merke so allmählich, dass ich das gar nicht immer brauche. Es braucht gar nicht immer ständig neue Wendungen, damit mich eine Geschichte fesselt. Umgekehrt heißt das aber auch: Wer gerne ebendiese rasante Spannung bei einem Krimi haben möchte, wird mit diesem Buch und mit Bottini allgemein wohl nicht so recht glücklich werden. Es ist – wie so vieles im Leben – einfach Geschmackssache.
Über den Lokalkolorit schwärmte ich ja bereits – da mein Wegzug aus Freiburg mittlerweile kurz bevor steht, habe ich mir schon vorgenommen, diese Reihe nochmal komplett zu lesen, sobald ich erste Freiburg-Sehnsucht verspüre. Bereits Weggezogene haben mich schon darauf vorbereitet.
Zusätzlich lernt man hier noch einiges über ein Kapitel der europäischen Geschichte, das jedenfalls mir eher in Grundzügen präsent war – was damals auf dem Balkan los war, darüber sollte ich mich vielleicht auch der Allgemeinbildung wegen mal mehr informieren…
Auch hier ist es, wie schon beim Vorgängerband, ratsam, nicht mitten in der Reihe einzusteigen. Man kann zwar der Handlung ohne Weiteres folgen, aber es macht doch mehr Spaß, wenn man die Personen bereits kennt, von denen die Rede ist. Außerdem ist es spannend, die Entwicklung Louises mitzuverfolgen.
Ich denke, es wird klar: Das Lesen hat mir auch hier wieder sehr viel Spaß gemacht, Louise Bonì ist super und ich kann euch auch Band 3 der Reihe wärmstens empfehlen.
ISBN: 978-3596172672 448 Seiten Fischer Taschenbuch €8,95Kalte Füße inklusive – Nora Graser
Dezember 26th, 2011 § 1 Kommentar
Man lernt ja nie aus – ich dachte die ganze Zeit, ich sei durch mein Praktikum im tief verschneiten und eiskalten Riga vor zwei Jahren schon relativ abgehärtet. Aber es gibt ja immer Leute, die noch krassere Sachen machen.* Nora Graser zum Beispiel, die 15 Monate lang auf der Forschungsstation Neumayer in der Antarktis geforscht und dort auch überwintert hat. Darüber hat sie einen Erlebnisbericht in Buchform verfasst.
Sie verwendet zunächst ein paar kurze Kapitel auf ihre Motivation und die Vorbereitungen, ehe dann erwartunsgemäß die meiste Zeit über die Überwinterung an sich geschrieben wird.
Ihr Überwinterungsteam kam bereits im Sommer in der Antarktis an (zu anderen Jahreszeiten können auch keine Flugzeuge landen) und war – nach einer kurzen Einarbeitungszeit – im anschließenden arktischen Winter nahezu komplett von der Außenwelt abgeschnitten: In einem Notfall könnte beispielsweise niemand ausgeflogen werden. Klar gibt es Internetanschluss und die Möglichkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt, aber das Team ist auf sich alleine gestellt.
Deswegen müssen die Überwinterer vorher auch Dinge lernen wie Feuer löschen oder Wunden nähen, sie haben einen Techniker und einen Arzt im Team mit dabei und können ansonsten nur hoffen, dass alles ohne große Probleme über die Bühne geht.
Ging es dann auch, soviel kann schonmal verraten werden. Nora Graser schreibt, wie man es von der Freundin oder Bekannten im regelmäßigen E-Mail-Rundbrief erwarten würde: Nicht literarisch, aber angenehm zu lesen und des öfteren sogar recht lustig, beschreibt sie ihren Alltag, ihre Arbeit und Freizeitgestaltung. Die Beschreibungen sind oft recht technisch (sie ist Physikerin), manchmal hilft das kurze Glossar am Schluss des Buches. Umso schöner sind die Beschreibungen außerhalb der Arbeit: Ihre Begeisterung für das farbenfrohe Dämmerungslicht, die Pinguinkolonie in der Nähe der Station oder die riesigen Eisberge scheint regelmäßig durch. Dafür geht es relativ wenig um die Dynamik innerhalb der Gruppe – es ist sicherlich nicht leicht, mit 8 bisher fremden Menschen mehrere Monate in einer nicht gerade weitläufigen Station unter dem Eis zu leben und die Sonne eine Zeitlang gar nicht zu sehen. Sie deutet hier nur an, dass es natürlich mal Reibereien gab, die man aber lösen konnte – interessant wären ein paar mehr Details dann doch gewesen. Gut, das sei verziehen, ist sicherlich auch eine Frage der Persönlichkeitsrechte der anderen Überwinterer.
So oder so: Das war ein schöner, interessanter Kurzurlaub (wenn man es denn so nennen will), der mich zumindest gedanklich von meinem Schreibtisch weg entführt und in einen komplett anderen Alltag gebracht hat. Nicht, dass es mein größter Traum wäre, so etwas zu erleben – das muss es auch gar nicht sein. Aber spannend allemal, was man noch so alles im Anschluss an sein Studium machen kann.
Es gibt im Übrigen auch ein paar Webcams der Station – allerdings wurde mittlerweile eine neue Station gebaut. Hier gehts lang.
~~
* Nur wie sich eingefrorene Wimpern anfühlen, das weiß ich auch.
Die Zeit der Zugvögel – Katja Kallio
Dezember 25th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Uff, jetzt muss ich doch mal wieder was schreiben. Ich bin mittlerweile in der letzten Prüfungsphase meines Studiums und habe deswegen entsprechend wenig Zeit für andere Dinge. Es nervt ziemlich, aber immerhin ist es jetzt endlich mal absehbar.
„Die Zeit der Zugvögel“ hatte ich auch schon vor einigen Wochen ausgelesen, kam aber nie dazu, die Rezension fertigzuschreiben. Das sollte ich jetzt mal machen, so lange die Erinnerungen noch einigermaßen frisch sind…
Die meisten Menschen würde es wohl alleine schon aus der Bahn werfen, wenn eines Tages die Polizei vor ihrer Tür stünde und ihnen mitteilte, dass ihr Vater verstorben sei. Katariina Laakso dagegen war sowieso schon davon ausgegangen, dass ihr Vater bereits seit langen tot sei – sie hat nicht einmal mehr nennenswerte Erinnerungen an ihn. Jetzt muss sie stattdessen erfahren, dass er mit drei anderen Frauen noch weitere Kinder gezeugt hatte, ehe er alleine in einem Hotel in Tampere gestorben ist. Katariina erfährt also plötzlich von drei Halbgeschwistern – zwei Schwestern, die ebenfalls beide Katariina heißen, und einem Halbbruder namens Markus.
Katariina ist eine sehr seltsame Protagonistin. Oft hatte ich den Eindruck, sie lebe so vor sich hin, in ihrer eigenen Blase, die nicht einmal ihr Ehemann Olli so richtig durchdringen kann. Sie bleibt irgendwie komisch emotionslos und wirkt manchmal richtiggehend geisterhaft, wie sie da alle anderen machen lässt und so tut, als ginge sie das im Grunde gar nichts an.
Bei diesem Buch bin ich richtig unschlüssig, wie ich es denn jetzt finden soll. Wenn man schon an die Protagonistin nicht so recht rankommt, hat man eigentlich nur noch wenige Möglichkeiten, sich so richtig mit einem Buch anzufreunden. Aber auf der anderen Seite ist diese Geschichte mehr eine Charakterstudie mit exakten psychologischen Beobachtungen. Auch kleinere Nebenfiguren bekommen ihren Platz, wenn auch nur für eine Episode. Trotz dieser Genauigkeit, was die psychologische Darstellung anbelangt, sind mir die Charaktere jedoch kaum wirklich nähergekommen. Es blitzt manchmal ein bisschen was von einem Verstehen durch, aber gerade hinter Katariina Laaksos Fassade konnte ich überhaupt nicht schauen. Vielleicht, weil über sie als einzige nicht in der Ich-Form berichtet wird und wir deswegen nicht von ihr direkt über ihre Gefühle erfahren? Alle anderen lassen nach und nach ihre Masken zumindest ein Stückweit herunter und zeigen, dass ihre Fassade, die sie vor den anderen bewahren, eben nur das ist: Eine Fassade, hinter der im Zweifel ganz andere Gefühle versteckt werden.
Dieser Wechsel zwischen den Charakteren hat mir sehr gut gefallen – man hat es hier tatsächlich mit einem interessanten psychologischen Porträt einiger Erwachsener zu tun, die plötzlich gezwungen sind, ihre Kindheit und Jugend in einem anderen Licht zu sehen und Dinge, die sie für gesichert hielten, neu einzuordnen.
Ja, schwierig.
ISBN: 978-3810510730 352 Seiten Originaltitel: Karilla Krüger Verlag €16,95Die Stadt der Blinden – José Saramago
November 26th, 2011 § 5 Kommentare
Wie ihr unter Umständen schon wisst (immerhin ist das ja kein so unbekanntes Buch und verfilmt wurde es auch), beginnt das Buch mit einem Mann, der erblindet. Einfach so, mitten auf der Straße. Der Augenarzt, den er bald darauf aufsucht, kann beim besten Willen keine Krankheit finden, die Augen des Blinden sind kerngesund. Doch mit diesem einen Blinden beginnt eine Epidemie: Es erblinden der Augenarzt und alle Patienten, die im Wartezimmer saßen, als der erste Blinde in die Praxis kam. Es erblindet der Taxifahrer, der ihn zum Arzt gefahren hatte. Seine Ehefrau. Und immer mehr Menschen werden von jetzt auf gleich blind, ohne Warnsignale oder vorausgehende Symptome.
Die Regierung ist hilflos, sie vermutet eine hohe Ansteckungsgefahr dieses „Weißen Übels“, wie die Blindheit genannt wird. Die Blinden werden kurzerhand in ein leerstehendes ehemaliges Irrenhaus interniert, unter Bewachung des Militärs und nur mit dem Nötigsten an Essen und Hygieneprodukten. Medizinische Versorgung gibt es keine, und wer das Gebäude verlässt, wird sofort erschossen. So die Regeln, die jeden Tag via Lautsprecher auch den Neuankömmlingen bekannt gegeben werden.
Man kann sich vorstellen, dass die Verhältnisse nicht allzu geordnet bleiben: Es kommen ständig neue Blinde hinzu, die sanitären Anlagen sind vollkommen überlastet und nicht alle Insassen finden sie überhaupt rechtzeitig. Nahrung gibt es nie in ausreichenden Mengen, und so kommt es zwangsläufig zu Verteilungskämpfen, wobei sich einige Blinde als Bestimmer aufschwingen und immer absurdere Gegenleistungen für das Essen verlangen: Erst sollen alle Blinden ihre Wertsachen abgeben, schließlich sollen sich die Frauen prostituieren, damit sie und alle anderen zumindest ein paar Bissen Brot bekommen.
Kurz: Die Verhältnisse für die Internierten sind katastrophal und menschenunwürdig. Für die erste Gruppe von Blinden gibt es jedoch eine kleine Hoffnung: Die Frau des Augenarztes kann weiterhin sehen, sie hatte ihre Blindheit nur vorgetäuscht, um bei ihrem Mann bleiben zu können. Sie kann der kleinen Gruppe von namenlosen Blinden helfen, sich aus der Quarantäne befreien und so zu überleben.
Schwere Kost ist dieses Buch aus zwei Gründen: Zum einen ist natürlich die Handlung nicht unbedingt schöne Entspannungslektüre. Aber auch sprachlich mutet Saramago seinem Publikum schon ein wenig zu: Der Herr mag scheinbar Kommas, was sich in seinen Schachtelsätzen einerseits und in seiner eigentümlichen Wiedergabe wörtlicher Rede andererseits niederschlägt (Kommas statt Anführungszeichen sind schon gewöhnungsbedürftig). So entsteht aber auf der anderen Seite ein interessanter Erzählfluss – man wird gezwungen, sich auf die Lektüre zu konzentrieren und das Erzählte so nah wie möglich an sich ranzulassen. Auch sorgen die möglichst selten gesetzten Absätze und die sehr langen Kapital dafür, dass man gar nicht erst in Versuchung kommt, hier eine kleine Lesepause einzulegen.
Aber eigentlich habe ich diese Versuchung auch nicht verspürt. Klar, insbesondere abends fiel es mir echt schwer, der Handlung aufmerksam zu folgen, dafür hatte sie mich zu allen anderen Tageszeiten fest im Griff.
Die Handlung ist fast durchweg beklemmend, an manchen Stellen wurde mir fast schlecht vor Ekel. Darüber hinaus blickt man natürlich auch in menschliche Abgründe, insbesondere bei der Gruppe von Blinden, die die Macht über die Nahrungsmittel an sich reißen.
Blindheit als Metapher – diese Deutung bekommt man schon im Klappentext serviert. Natürlich käme man da auf kurz oder lang selbst drauf, denn die Aussage dieses Buches ist bei aller Verschwurbeltheit der Sprache nur allzu deutlich: Wenn alle bisher gekannten Regeln und Gebräuche plötzlich wegfallen und keine Geltung mehr haben, bleibt verdammt wenig übrig.
Es geht dabei recht wenig um das emotionale Innenleben der Protagonisten – vielmehr studiert ein allwissender Erzähler deren Handeln und versetzt sich nur ab und zu genauer in eine dieser Personen hinein. Und unweigerlich beginnt man sich zu fragen: Wie würde ich handeln? Würde ich aufgeben, würde ich verzweifeln oder würde ich doch kämpfen?
Man muss sich dieses Buch schon ein wenig erarbeiten und hat schon ziemlich daran zu knabbern. Aber zumindest ich habe mich dabei ertappt, auch nach dem Lesen des letzten Satzes immer mal wieder über diese Geschichte nachgedacht zu haben. Sie wirkt nach – und das ist für Literatur immer ein Qualitätsmerkmal.
ISBN: 978-3499224676 400 Seiten Originaltitel: Ensaio sobre a Cegueira rororo €9,99Der Trakt – Arno Strobel
November 11th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Sibylle Aurich passiert etwas, was so ziemlich der Alptraum eines jeden sein dürfte: Sie wacht in einem Krankenzimmer auf, wo man ihr sagt, sie habe nach einem Überfall zwei Monate lang im Koma gelegen. Doch als sie darum bittet, ihren Mann und ihren Sohn benachrichtigen zu dürfen, reagiert der Arzt seltsam ausweichend. Sibylle will jedoch nicht länger warten und entlässt sich kurzerhand selbst. Zum Glück wird sie von Rosie, einer etwas durchgeknallten älteren Dame aufgelesen, die ihr hilft und sie nach Hause bringt. Dort der Schreck: Ihr Mann erkennt sie nicht und erwidert auf die Frage nach ihrem Sohn Lukas, dass sie keinen gemeinsamen Sohn hätten. Das Spiel wiederholt sich ein paarmal: Auch Sibylles beste Freundin Elke und ihr Chef erkennen sie nicht, stattdessen ist ihr bald die Polizei auf den Fersen: Eine Sibylle Aurich gibt es tatsächlich, nur wurde diese vor einiger Zeit als vermisst gemeldet. Umso seltsamer, dass nun eine Frau auftaucht, die steif und fest behauptet, ebendiese Sibylle zu sein.
Bei Rosie findet Sibylle zunächst Unterschlupf, bis schließlich ein fremder Mann auftaucht, der sich als Christian vorstellt und sie vor Rosie warnt: Diese wolle ihr gar nicht helfen, sondern gehöre viel eher zur Gegenseite – eben jener Gegenseite, die auch seine Schwester entführt habe. Sibylle müsse sich in Acht nehmen und mit ihm zusammenarbeiten, dann könnten sie gemeinsam das Rätsel lösen. Gezwungenermaßen lässt sich Sibylle darauf ein und kommt auch, als sie ihrer Intuition und einigen Geistesblitzen folgt, allmählich der Wahrheit näher…
Also, etwas anderes als diese „Standard-Rezension“ inkl. Cliffhanger am Schluss fiel mir zu dieser Geschichte ehrlich gesagt nicht ein.
Zunächst einmal: Mit Sibylle bin ich nicht so recht warm geworden. Sie war mir viel zu eindimensional und hatte keine Eigenschaften, die sie irgendwie greifbar und sympathisch hätten wirken lassen. Auch die anderen Charaktere haben nicht wirklich viel Tiefe. Einige dieser Personen wechseln ein paarmal die Seiten bzw. es werden gezielt falsche Fährten gelegt – das soll die Leser wohl verwirren, aber wenn man nur ein klein bisschen seiner Intuition folgt, weiß man eigentlich, wer tatsächlich auf welcher Seite steht. Und sobald eine Person eindeutig als böse enttarnt wurde, macht sie ihre Rolle dann auch tatsächlich gut, komplett mit „fiesem Grinsen“ und so weiter.
(der nächste Absatz ist in weiß geschrieben wg. Spoilergefahr. Wer es lesen will, markiert den Text einfach)
Die Handlung an sich – nun ja. Ich hatte ja fast schon gehofft, dass das alles am Ende nur ein Traum/ein schizophrener Schub/irgendwas anderes „nicht Wirkliches“ gewesen ist – es war mir dann doch ein bisschen zu abgefahren. Es geht so in die Richtung „böser Wissenschaftler macht pseudo-geniale Erfindung und bedroht damit den Weltfrieden“, und das ist jetzt normalerweise außerhalb von gelegentlichen James Bond-Filmen nicht so mein Metier. Es kann vielleicht ganz nette Unterhaltung sein, wenn man sowas wirklich gerne liest, aber ich fands einfach zu übertrieben.
Sprachlich war das Ganze auch nicht sonderlich ausgefeilt. Ganz nett halt, zum Eben-mal-Weglesen im Bus. Aber gemessen an den vielen guten Rezensionen, die ich dazu gelesen hatte, war ich dann doch ziemlich enttäuscht.
Ich schätze mal, diese Unterkategorie von Psychothrillern, in die ich auch Fitzek stecken würde, ist für mich damit erledigt – fürs erste jedenfalls. Es hat seinen Reiz, mal ein paar dieser Geschichten zu lesen, aber tatsächlich der Hardcore-Fan werde ich wohl so bald nicht mehr werden.
ISBN: 978-3596186310 359 Seiten Fischer Taschenbuch €8,95Zum Weiterlesen, Teil 12
November 5th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Huch, so viele Lesezeichen… Dann mal schnell ein paar an euch weitergeben.
Nun, es ist ja bekannt, dass lesende Menschen grundsätzlich um einiges erotischer sind als nicht-lesende. Aber dann (halb-)nackte lesende Frauen? Und das vollkommen öffentlich? Uiuiui… (Der Haken für alle Interessierten: Gibt’s bisher nur in New York City…)
Wir bleiben noch kurz im Themenbereich Ästhetik: Als künstlerisch ziemlich unbegabter Mensch faszinieren mich diese Skulpturen aus Büchern umso mehr (via BoingBoing) – diese wurden anonym in einigen schottischen Museen ausgestellt. Wow!
Über Klappentexte lästert es sich ja immer gut. Hier zum Beispiel.
Ali Arbia berichtet von einer Demonstration in Tunesien, die sich gegen die Verfilmung der Persepolis-Comics von Marjane Satrapi richtete.
Was haben Jane Austen, Ernest Hemingway, William Shakespeare und Homer gemeinsam? Von allen gab es neben ihrem uns bekannten Werk noch weitere Stücke, die leider verlorengegangen sind – teilweise sind es ganze Bücher, manchmal aber auch nur Fragmente. Eine „Top 10″ hat Smithsonian.
Zum Schluss noch ein Buchmessen-Nachklapp: Martin Sonneborn hat im Auftrag der „heute show“ ein paar Isländer belästigt:
Léon und Louise – Alex Capus
November 1st, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Auch wenn ihr Kennenlernen wenig spektakulär ist, werden Léon und Louise zu einem umso außergewöhnlicheren Liebespaar: Sie lernen sich während des Ersten Weltkriegs in einem kleinen französischen Dorf kennen, wo sie Botengänge für den Bürgermeister erledigt und er an der kleinen Bahnstation als Morseassistent arbeitet. Er ist fasziniert von dem irgendwie geheimnisvollen Mädchen mit dem quietschenden Fahrrad, und nach einem eher zögerlichen Kennenlernen beginnt auf einem Ausflug ans Meer so etwas wie eine erste Romanze zwischen den beiden. Auf der Rückfahrt jedoch geraten sie in einen deutschen Luftangriff und verlieren einander aus den Augen – Léon wird verletzt, und als er aus dem Krankenhaus ins Dorf zurückkehrt, wird ihm dort der Tod Louises bestätigt.
Nach einem Zeitsprung von zehn Jahren treffen wir Léon wieder – mittlerweile arbeitet er in einem Polizeilabor in Paris und hat mit seiner Frau Yvonne zusammen einen kleinen Sohn. Eines Tages sieht Léon aus der Metro heraus eine Frau, von der er sich sicher ist: Das muss doch Louise sein! Er sucht vergeblich nach ihr, doch dann ist es sie, die plötzlich vor ihm steht. Léon ist sofort wieder Feuer und Flamme. Sie landen zusammen in der Kiste (bzw. auf einer Decke am Waldrand), doch für Léon steht es zu keiner Zeit außer Frage, dass er Yvonne und seine Kinder (es folgen noch ein paar in den nächsten Jahren) niemals verlassen wird.
So ist es auch Yvonne, die von alldem weiß und es dennoch so akzeptiert, wie es ist: Sie führen eine gute, funktionierende Ehe und sind gute Freunde, aber sie weiß eben auch, dass ihr Léon seine Louise nie vergessen kann. Irgendwie arrangiert sie sich damit, auch weil sie um Léons Treue weiß und sich sicher sein kann, dass er ihr Arrangement nie aufkündigen wird.
Louise wiederum verbietet Léon nach diesem Wiedersehen ein weiteres Mal. Er soll nicht nach ihr suchen, nicht auf sie warten, sich nicht nach einer Beziehung mit ihr sehnen – und Léon fügt sich in sein Schicksal. Er kehrt in seinen Alltag zurück, ist weiterhin der treusorgende Familienvater und kommt auch einigermaßen unbeschadet durch die deutsche Besatzung von Paris und den Zweiten Weltkrieg.
Louise meldet sich in diesen Jahren nur gelegentlich per Brief: Zusammen mit beträchtlichen Goldreserven der Banque de France hat sie Frankreich auf dem Seeweg verlassen können und verbringt die Kriegsjahre im Senegal, von woher sie lange Briefe schreibt. Sie langweilt sich, sehnt sich nach Léon und berichtet ihm über ihren recht eintönigen Alltag – ohne zu wissen, ob er überhaupt noch lebt und ob sie sich jemals wiedersehen.
Es sei nur soviel verraten: Sie sehen sich (natürlich) wieder, aber auch dann wird es nie eine „gewöhnliche“ Beziehung werden.
Ich muss zugeben: Ich hätte gerne noch 100 oder 200 Seiten mehr gelesen – zum einen, weil man einige Szenen noch mehr hätte ausarbeiten können. Ein bisschen mehr hätte ich gerne über Louise erfahren, insbesondere darüber, was in ihr vorgeht. In manchen Situationen fand ich sie ein wenig zu eindimensional. Auch die gemeinsame Zeit der beiden nach dem Krieg kommt ein wenig zu kurz – obwohl ich natürlich weiß, dass das ja auch gar nicht der Schwerpunkt der Geschichte sein sollte. Aber mehr gelesen hätte ich gerne vor allem deswegen, weil mir diese Geschichte so gut gefallen hat. Insbesondere die Hauptcharaktere waren mir ziemlich sympathisch, so dass ich gerne etwas mehr Zeit mit ihnen verbracht hätte. Bleibt mir also nur, anderen ihre Gesellschaft wärmstens zu empfehlen.
ISBN: 978-3446236301 320 Seiten Carl Hanser Verlag €19,90Bücher zu verkaufen!
Oktober 26th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Ich miste mal wieder Bücher aus – vielleicht wollt ihr ja welche haben. Hier ist eine Liste, schaut doch einfach mal vorbei!

