Library 101 ist ein Multimedia-Projekt, das dafür sorgen will, dass Bibliotheken auch im Internetzeitalter wettbewerbsfähig bleiben (so jedenfalls hab ich das dem sehr bunten und streckenweise etwas skurrilen Video entnommen).
Wir bleiben in der Bibliothek: In einer solchen in den USA häufen sich die Fälle, dass „schmutzige“ Wörter in Büchern mit schwarzem Edding zensiert werden – sehr zum Ärger der Bibliothekare (und sicher einiger Leser).
Wirklich schicke Einladungskarten werden bei „Hey Lady! Whatcha Readin’?“ präsentiert.
Und, oh Freude: Es gibt ENDLICH einen neuen Adrian-Mole-Band!!!
Also, was sich da der Piper-Verlag als Klappentext-Überschrift ausgedacht hat, ist ja schon ziemlich daneben: „Jung, begehrenswert, schön und mittellos“… aber gut, zum Teil triffts die Handlung ja auch wirklich. Die Tatsache, dass ich das Buch jetzt zum zweiten Mal gelesen habe, mag dem geneigten Leser jedoch zeigen, dass es so schlecht nicht sein kann.
Um was gehts? Fiona Finnegan ist 17 und arbeitet als Packerin in einer Teefabrik im London der 1880er Jahre. Alle in ihrer Familie müssen hart arbeiten, damit es zum Leben reicht, aber es herrscht ein liebevoller Umgang und Zusammenhalt. Außerdem hat Fiona ja Joe, ihren Kindheitsfreund und ihre große Liebe – beide sparen schon seit langen auf ihren gemeinsamen Laden. Sie wollen diesen gemeinsam führen, heiraten und eine Familie gründen. Joe lernt das nötige Know-How im Gemüsehandel seines Vaters, und so scheint die Zukunft bereits vorgezeichnet zu sein: mit Glück, Liebe und vielleicht sogar bescheidenem Wohlstand. Doch dann schlägt das Schicksal wirklich hart zu: Fionas Vater, ein Dockarbeiter und Gewerkschaftsführer, kommt bei einem Unfall ums Leben. Ein wenig später sterben auch Fionas Mutter, ihre jüngste Schwester und ihr Bruder Charlie. Joe schließlich fällt einer Intrige zum Opfer und muss die Tochter seines Förderers heiraten. Nur Fiona und ihr kleiner Bruder Seamus sind übrig geblieben, und als Fiona noch zufällig erfährt, dass der Tod ihres Vater kein Unfall war, sondern von seinem Chef in Auftrag gegeben wurde, um die Ausbreitung der Gewerkschaften zu verhindern, hält sie nichts mehr in London.
Sie fasst einen Beschluss: Sie will nach New York fahren, dort lebt ihr Onkel Michael mit seiner Familie, er hat dort einen Laden, wo sie bestimmt willkommen ist und mithelfen kann. Doch Michael hat seine Frau verloren, er trinkt fast nur noch und kümmert sich nicht mehr um seinen verschuldeten Laden. Fiona spuckt jedoch in die Hände, und mit Hilfe ihrer neuen Freunde – allen voran ihr schwuler Freund Nick, als dessen Ehefrau sie sich ausgegeben hat, um überhaupt mit aufs Schiff nach New York zu kommen – baut sie den Laden wieder auf. Doch die Gedanken an Joe und der Wunsch, ihren Vater zu rächen, lassen sie nicht los, und so kommt sie nach zehn Jahren – jetzt als reiche Frau – zurück nach London, um ihre alten Rechnungen zu begleichen…
Fazit: Ich würde sagen, dass das hier ein schöner Schmöker ist für die Freizeit, auch für die Bahnfahrt zur Arbeit, weil man sich nicht sonderlich anstrengen muss, um der Handlung zu folgen bzw. wieder reinzukommen. Man sollte dazu sagen, dass die Handlung teilweise schon harte Kost ist, die ganzen Schicksalsschläge, die Fiona verkraften muss und so. Aber etwas genervt hat mich, dass sie so absolut gar keine Fehler hat (und wenn sie was falsch macht, sieht sie es gleich ein). Solche Protagonisten finde ich immer etwas anstrengend. „Die Teerose“ ist jedenfalls die richtige Wahl, wenn man mal die ganz großen Gefühle braucht: Liebe, Hass, Rachedurst, serviert mit einem gaaaanz kleinen Schuss Soft-Porno. Die paar Hundert Seiten verfliegen nur so, und danach ist die Welt wieder in Ordnung.
ISBN: 978-3492242585
685 Seiten
Originaltitel: The Tea Rose
Piper
€9,95
Jaja, in Sachen Bestseller bin ich immer soooo ein Spätzünder. Aber sagte ich schon, dass es sich gut getroffen hat, dass es in der WG, wo ich grade wohne, ein gut bestücktes Bücherregal gibt, an dem ich mich bedienen kann? So kam ich also zu „Verdammnis“.
Um was gehts? Mikael Blomkvist ist Journalist bei „Millenium“, einer kleineren, kritischen Zeitschrift, und er hat gerade einen Enthüllungsartikel über einen Großindustriellen geschrieben, wurde aber aufgrund dessen wegen Verleumdung zu drei Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe verurteilt. Auch aus taktischen Gründen zieht sich Blomkvist von Millenium zurück und nimmt den Auftrag von Henrik Vanger an, der ein Firmenimperium besitzt und dessen Großfamilie wichtige Positionen in der schwedischen Gesellschaft besetzt. Mikael soll ein Jahr lang in Hedestad in Norrland wohnen und Henrik bei seiner Autobiografie helfen. So jedenfalls die offizielle Jobbezeichnung, denn noch wichtiger ist der zweite Teil des Auftrags: Mikael soll herausfinden, was mit Harriet geschehen ist, der geliebten Nichte von Henrik, die bei einem Familientreffen im Jahre 1966 spurlos verschwunden ist und seitdem nicht mehr wieder auftauchte. Sie ist offenbar ermordet worden, aber es fand sich keine Spur von ihr, und Henrik ist fast besessen davon, vor seinem Tod eine letzte Anstrengung zu unternehmen, vielleicht doch noch Licht ins Dunkel zu bringen.
Bei dieser Aufgabe bekommt Mikael Hilfe von Lisbeth Salander, einer sozial eher inkompetenten Hackerin, die aber ein Genie darin ist, an alle Informationen zu kommen, die sie haben möchte. Und so ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, ehe die beiden ein entscheidenden Hinweis bekommen: Harriet war einem Mörder auf der Spur gewesen, der seit den 1940er Jahren immer wieder Frauen getötet hatte – musste sie deswegen sterben?
Fazit: Die Geschichte um Mikaels Verurteilung und die Millenium-Redaktion bildet die Rahmenhandlung um die Suche nach Harriet, so dass man nicht direkt in die Krimihandlung einsteigt, sondern erst etwas gemächlicher mit allem und allen bekannt gemacht wird. Im Rückblick tut das der Qualität des Buches keinen Abbruch, aber anfangs hatte ich schon befürchtet, dass das der Grundtenor sein würde. Auch am Schluss wird die Spannung wieder etwas rausgenommen, weil der eigentliche Fall – Harriets Verschwinden – gelöst ist und sich die Handlung wieder auf die Geschehnisse rund um die Milleniums-Redaktion konzentriert. Also, das sollte man nur wissen, und es ist auch kein eigentlicher Kritikpunkt, da es sonst ein sehr spannender und gut gemachter Krimi/Thriller ist. Vielleicht nicht der allerbeste, den ich je gelesen habe, aber einer der besseren allemal. Die Verfilmung werd ich mir wahrscheinlich anschauen, und ich denke mal, die restlichen Bände der Trilogie kommen auch noch auf meine Leseliste.
ISBN: 978-3453432451
704 Seiten
Originaltitel: Män som hatar kvinnor
Heyne
€9,95
Ich hatte es vollmundig angekündigt, aber dem folgte leider bisher kein zweiter Teil: Links rund ums Lesen wollte ich sammeln.
Gesammelt hatte ich auch, und jetzt fiel mir mein Vorhaben wieder ein – daher gibts jetzt ein paar Links, wenn auch nicht mehr taufrisch. Also, los gehts:
Arnold Schwarzenegger will digitale Schulbücher einführen und gedruckte Bücher verbannen, berichtet der Lesekreis.
Für die ganz harten Büchersüchtigen gibts jetzt ein Parfum, das nach Bibliothek riechen soll.
Was tun mit alten Büchern? Einfach mal ein Blümchen reinpflanzen!
Und zu guter Letzt: Der Name dieses Blogs ist Programm: Awful Library Books.
Ja, ein gewisses Interesse für die Geschichte der Sowjetunion kann ich nicht leugnen. Kürzlich ausgelebt wurde diese Neigung in den über 600 Seiten von „The Whisperers“. Hier meine Rezension:
Um was gehts? Der Untertitel des Buches ist Programm: „Private Life in Stalin’s Russia“. Dazu hat Figes zahlreiche Interviews geführt und andere Quellen, beispielsweise Briefe und Tagebücher, ausgewertet, um ein Bild davon zu zeichnen, wie die Menschen während Stalins Regierungszeit lebten und welche Auswirkungen der Staatsterror auf sie hatte. Verflochten wird dies immer wieder mit darstellenden Teilen, die sozusagen einen historischen Rahmen um die privaten Erzählungen bilden. Zu einem großen Teil wird das Schicksal einzelner Familien im Laufe der Zeit nachvollzogen. Und was da zu Tage kommt, ist wirklich sehr heftig. Bei manchen Familien sind zahlreiche Mitglieder in Arbeitslagern verschwunden oder gleich erschossen worden, bei manchen auch „nur“ einer, manche kamen ganz davon – aber trotzdem waren alle davon betroffen, denn zumindest die Angst war immer da und brachte die Menschen dazu, sich möglichst zurückzuziehen, sich nicht über Politik zu äußern und wichtige Gespräche nur zu flüstern (daher auch der Titel des Buchs, wobei am Anfang erklärt wird, dass es im Russischen zwei Begriffe für „flüstern“ gibt: einen für das leise Reden, damit keiner mithören kann, ein anderer für das Flüstern, um andere zu denunzieren). Aber auch die Mitläufer und Denunzianten kommen zu Wort, und man fragt sich, wie so oft bei solchen Themen, ob man diese Leute so einfach verurteilen kann für das, was sie getan haben.
Fazit: Uff. So viele Eindrücke und Informationen! Und so viele schlimme Geschichten! Ich habe es auch nicht geschafft, das am Stück zu lesen, habe zwischendurch immer wieder was anderes gelesen. Aber: Wer sich für das Thema interessiert, sollte auf jeden Fall dieses Buch lesen. Zunächst einmal liest es sich die meiste Zeit sowieso spannend und flüssig wie ein Roman. Und außerdem, und das ist das Entscheidende, lernt man wirklich unheimlich viel über diese Epoche. Es ist eben sehr viel anschaulicher, wenn alles anhand von persönlichen Schicksalen nachvollzogen wird. Das Ganze noch illustriert mit Familienfotos, und es geht einem wirklich zu Herzen. Gleichzeitig gibt es einem auch eine kleine Idee davon, was ein Leben im Totalitarismus von Menschen abverlangt – alles lässt sich sicherlich nicht auf andere Systeme übertragen, aber ich denke, Parallelen lassen sich durchaus finden. Ich bin zum Beispiel absolut erstaunt, wieviel manche Menschen ertragen haben und wie sie trotzdem überlebt und weitergemacht haben. Dieses Buch ist wirklich sehr dicht und voller Informationen, die man erstmal alle aufnehmen muss. Aber dafür nimmt man auch wirklich was mit von der Lektüre.
„The Whisperers“ ist bisher übrigens zwar in 22 Sprachen übersetzt worden – in Russland wird es aber vorerst wohl nicht erscheinen, wie der Guardian informiert.
Ach ja: Normalerweise sehen meine Bücher nicht so zerlesen aus – mein Exemplar sieht vor allem deswegen so mitgenommen aus, weil mir jemand im Zug Kaffee drübergeschüttet hatte.
ISBN: 978-0141013510
656 Seiten
Deutscher Titel: Die Flüsterer
Penguin
€12,95
Um was gehts? Thobela ist ein ehemaliger Freiheitskämpfer, der in der Sowjetunion und der DDR im Kampf gegen die Apartheid ausgebildet wurde und sich nach einer kriminellen Karriere im „neuen“ Südafrika nun endlich mit seinem Sohn als Farmer niederlassen will. Doch die beiden geraten in eine Schießerei, und Thobela muss mit ansehen, wie sein Sohn von einer Kugel getroffen wird und stirbt. Das alleine wäre schon schlimm genug, aber die Täter können, kaum von der Polizei verhaftet und vor Gericht gestellt, wieder fliehen. Von der Justiz enttäuscht, schwört Thobela Rache: Er sucht systematisch diejenigen Täter auf, die sich an Kindern vergangen haben, die Pädophilen und Vergewaltiger, und tötet sie mit einem Assegai, einem traditionellen Zulu-Speer.
Detective Benny Griessel soll den Täter, den die Presse bald „Artemis“ nennt, stellen. Abgesehen davon, dass die Polizei in Kapstadt chronisch unterbesetzt ist, hat Griessel eigentlich genug eigene Probleme: Seine Frau hat ihn vor die Tür gesetzt, weil er Alkoholiker ist, und er muss sich der Erkenntnis stellen, dass er alles aufs Spiel gesetzt hat, was ihm wichtig ist: Seine Frau, seine Familie und vor allem seine beiden Kinder.
Darüber hinaus finden einige seiner Kollegen eigentlich gar nichts Schlimmes dabei, diejenigen zu töten, die sich an kleinen Kindern vergehen: Ist nicht eine lebenslange Haftstrafe noch zu gut für solche Menschen? Will nicht die Mehrzahl der Südafrikaner sowieso die Todesstrafe zurück?
Fazit: Wer Kapstadt kennt, muss nur dieses Buch lesen und ist wieder da. Alles sehr authentisch capetonian, mit hohen Wiedererkennungseffekt. Die Leute trinken Castle Lager, gehen einkaufen bei Pick’n'Pay und lesen Die Burger und The Argus, auf Kfm dudelt ein Liedchen, während die Polizei in Durbanville, Camps Bay, Parow und sonstwo ermittelt… Also: Alleine schon deshalb ist das Buch ganz toll und wird hiermit wärmstens allen empfohlen, die dieses schöne Fleckchen Erde kennen.
Nun, das ist ja schön, aber hat auch wer was davon, der noch nie dort war? Aber klar. Nämlich einen wirklich, wirklich spannenden Krimi, der mich praktisch von der ersten Seite an nicht mehr losgelassen hat. Anfangs gibt es drei Handlungsstränge: Thobelas Geschichte und sein Rachefeldzug, die Handlung um Griessel und die Polizisten in ihren bisherigen Ermittlungen sowie Callgirl Christine, die einem Geistlichen ihre Lebensgeschichte erzählt. Wie das mit der restlichen Handlung zusammenhängt, kommt erst ein wenig später ins Spiel.
Als relativ untypisch für einen Krimi empfand ich, dass die Polizei erst mit einem anderen Fall beschäftigt ist, diese dann löst und dann erst allmählich in die Ermittlung des Hauptfalls einsteigt. Aber der Spannung tat das keinen Abbruch, keine Angst. Auch der Charakter von Benny ist sorgfältig ausgearbeitet, man kann seine Ängste gut nachvollziehen, aber gleichzeitig lenkt das alles nicht zu sehr von der Handlung ab.
Gerade das Finale war recht komplex geraten, so dass man sich zuweilen schon konzentrieren musste, um nicht den Faden zu verlieren. Das empfand ich aber eigentlich nicht als negativ.
Von Deon Meyer hatte ich bisher schon „Der traurige Polizist“ gelesen (dessen Protagonist, Mat Joubert, dieses Mal im Übrigen wieder auftaucht, da er Bennys Vorgesetzter ist), und ich bin mir jetzt sicher: Ich werde mir alle restlichen Bücher von ihn ebenfalls besorgen. Definitiv.
ISBN: 978-0340822661
416 Seiten
Deutscher Titel: Der Atem des Jägers
Hodder & Stoughton
€9,30
Um was gehts? Kommissar Stefan Lindmann bekommt eine schlechte Nachricht: Er hat Krebs, trotz seiner erst 37 Jahre. Am selben Tag erfährt er dann noch, dass sein ehemaliger Kollege, Herbert Molin, ermordet wurde. Molin war nach seiner Pensionierung nach Nordschweden gezogen, und er hatte dort scheinbar ganz alleine gelebt. Lindmann hat viel von seinem älteren Kollegen gelernt, und gleichzeitig hatte er immer das Gefühl, dass Molin vor irgendetwas Angst hatte.
Bis die Krebstherapie beginnt, ist Lindmann beurlaubt, und so fährt er nach Härjedalen, um ein wenig nachzuforschen. Bald stößt er auf eine Spur: Molin hat in den 1950er Jahren seinen Namen geändert, und nachdem Lindmann auch noch ein altes Tagebuch gefunden hat, scheint sich ein Bild abzuzeichnen: Molin hat im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger auf Seiten Hitler-Deutschlands gekämpft, und er scheint auch bis zu seinem Tod überzeugter Nationalsozialist gewesen zu sein. Was ist damals geschehen, was ihn scheinbar noch Jahrzehnte später verfolgte?
Fazit: Ja, in der Tat, vor allem das Ende ist richtig spannend, und gut gemacht fand ich auch die Hintergrundgeschichte: Lindmann, der nicht weiß, wie schlimm seine Krebserkrankung sein wird, ob er geheilt werden kann, seine Ängste und Hoffnungen, das alles ist schön mit der eigentlichen Krimihandlung verwoben und gibt ein stimmiges Bild ab.
Ich tue mir aber immer etwas schwer damit – etwas Ähnliches habe ich auch schon bei der Brandmauer bemängelt – wenn dann versucht wird, irgendwelche weltweiten Verschwörungen mit reinzubringen; in diesem Fall ist es ein Netz aus Nationalsozialisten. Funktioniert das Ganze nicht auch auf lokaler Ebene? Also, der Teil war mir dann etwas konstruiert, aber da es insgesamt ein spannendes, stimmiges Buch war, sollte es daran nicht scheitern. Wer Mankell bisher gerne gelesen hat, wird auch dieses Buch mögen
ISBN: 3-552-05205-4
503 Seiten
Originaltitel: Danslärarens återkomst
Zsolnay
€24,90
Ja, ich weiß, ich mache mich zur Zeit etwas rar. Das liegt vor allem daran, dass ich am Donnerstag für ein dreimonatiges Praktikum nach Berlin ziehe und daran, dass ich vorher, wie das nun mal immer so ist, natürlich noch sooo viel zu tun habe… Und Vodafone lässt sich noch schön Zeit damit, uns endlich, endlich mal unseren Anschluss freizuschalten… Wenn ich etwas gelesen habe, dann meistens „The Whisperers“, welches ich jetzt aber erstmal unterbrochen habe – auch ich schaffe es nicht immer, ein fast 700 Seiten starkes Sachbuch am Stück durchzulesen… Eingeschoben habe ich zwar wieder ein Sachbuch, dieses ist jedoch a) dünner und b) schneller zu lesen. Also:
Um was gehts? Julia Friedrichs geht der Frage nach, was heute in Deutschland das Wort „Elite“ bedeutet. Wer gehört dazu, was zeichnet die Elite aus und welche Funktion hat sie oder sollte sie haben? Sie besucht dazu verschiedene Institutionen, die gemeinhin als Ausbildungsinstanzen der zukünftigen Elite gelten: Die European Business School, das Internat Schloss Salem, das Maximilianeum in München und so weiter. Sie spricht mit Schülern, Studenten, Sozialforschern, Schulrektoren und sammelt deren Ansichten.
Fazit: Man könnte dieses Buch natürlich als Aneinanderreihung von Klischees lesen. Natürlich ist es den meisten Leuten bekannt, dass in Deutschland eben immernoch die Herkunft entscheidend ist für den Aufstieg in die Elite, das Leistung oft gar nicht mal das Wichtigste ist, und dass die Reichen und Mächtigen manchmal die gleichen Probleme haben wie Otto Normalverbraucher. Richtig neue Erkenntnisse gibt es also nicht, aber trotzdem fand ich die Lektüre interessant und etwas beklemmend. Friedrichs versucht eben, die Klischees, die natürlich auch bei ihr – wie sie auch frei zugibt – im Kopf herumspuken, zu hinterfragen. Dass sie dann doch wieder am Ausgangspunkt ankommt, weil sich eben das Meiste so bestätigt, was man als diffuse Ahnung schon wusste, liegt wohl in der Natur der Sache.
Welche Schlüsse der Leser daraus dann ziehen will, das bleibt jedem selbst überlassen. Friedrichs selbst bezeichnet den Elite-Begriff als zu ungenau, instrumentalisierbar für jeden Zweck, weiß aber selbst keine Alternative. Elite bedeutet eben immer auch Macht, und diese wird es immer geben, in jeder Gesellschaft.
Es gibt keine politischen Handlungsanweisungen, keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber dafür sollte man dann auch andere Bücher lesen. Dieses hier macht jedenfalls neugierig darauf, sich mal genauer mit solchen Fragen auseinanderzusetzen.
ISBN: 345550051X
255 Seiten
Hoffmann & Campe
€17,95
Dieses Mal habe ich mich durch eine Anregung eines Bloggerkollegen leiten lassen: flattersatz hat diesen Roman bei sich besprochen und mich neugierig gemacht. Jetzt hab ich ihn auch gelesen und will meinen Senf dazu geben.
Ach ja: Da wir seit dem Umzug noch kein „eigenes“ Internet haben und ich keinen Bock habe, über das wacklige WLAN vom Nachbarn obendrüber Fotos hochzuladen, bleiben die Artikel ohne Illustration. Sobald Arcor aber zu Potte kommt, sieht das hier alles wieder schöner aus, versprochen.
Um was gehts? David und Harriet lernen sich auf einer Betriebsfeier kennen, und sie scheinen wunderbar zueinander zu passen: Beide konservativ bis altmodisch und mit dem Wunsch nach einer großen Familie mit möglichst vielen Kindern. Gesagt, getan: Sie heiraten, kaufen ein riesiges Haus und bald stellt sich auch der Nachwuchs ein: Vier wohlgeratene Kinder bringt Harriet kurz nacheinander auf die Welt, und mehrmals im Jahr stellt sich die Verwandtschaft ein, bevölkert in Scharen das große Haus und füllt es für Wochen mit Leben. Zwar ist das Geld immer knapp (auch wenn Davids reicher Vater mit dem ein oder anderen Scheck aushelfen kann), und die Feierlichkeiten sind immer stressig, vor allem für Harriet – aber genauso haben sie sich ihr Leben vorgestellt, so sind sie glücklich. Sicher, die Verwandten sind kritisch: Vier Kinder sind doch erstmal genug, Harriet hatte schließlich immer komplizierte Schwangerschaften, Geld ist ja auch immer so eine Sache… Eigentlich wollen beide auch erstmal ein paar Jahre warten, doch schon bald ist Harriet wieder schwanger, und dieses Mal wird ihr die Schwangerschaft zu einer regelrechten Qual: Das Kind bewegt sich heftig, boxt sie mit einer enormen Kraft, bis sie schließlich Beruhigungsmittel nehmen muss, um die Zeit bis zur Geburt irgendwie zu überstehen.
Als Ben dann schließlich zur Welt kommt, lässt sich an ihm jedoch nichts Kindliches oder Liebenswertes erkennen: Er ist bösartig, sehr kräftig und entwickelt sich rasend schnell. Bald haben sogar seine Geschwister vor ihm Angst, Tiere und kleine Kinder müssen vor ihm in Sicherheit gebracht werden, er bringt alle an den Rand des Wahnsinns. Langsam, aber sicher, scheint die Familie an diesem fünften Kind zu zerbrechen.
Fazit: So weit, so gut. Spannung ist dabei, und die Darstellung von Ben ist gelungen: Er ist einfach nicht liebenswert, sondern eher abstoßend beschrieben. So sollte es wohl auch sein.
Bloß: Lessings Intention ist mir nicht so recht klargeworden. Okay, man wird durch den Klappentext draufgestoßen, dass es scheinbar eine „Parabel“ sei auf das Böse in der Gesellschaft. Klar, man kann dieses Buch so lesen, oder auch als Anklage, wie wenig eine Familie oder auch die Gesellschaft mit Menschen zurecht kommt, die „anders“ sind und der Norm nicht entsprechen. Aber um ehrlich zu sein: Wenn es nicht auf dem Klappentext gestanden hätte, hätte ich nicht mehr rausgelesen als eine Familienschicksals-Erzählung, die zwar recht spannend und flüssig zu lesen ist, die aber wenig Substanz hat und deren Charaktere zudem recht einseitig bleiben und eine Entwicklung kaum erkennen lassen.
ISBN: 3442720753
224 Seiten
Originaltitel: The fifth child
btb Verlag
€8,50
Wir sind umgezogen – und ja, ich gehöre zu den Menschen, die trotzdem noch ein Buch gelesen kriegen. Liegt vielleicht auch daran, dass man durchdreht, wenn man nicht irgendeinen Ausgleich zum Kisten packen und Möbel aufbauen kriegt. Oder es liegt daran, dass „Kamtschatka“ einfach ein schönes Buch ist, wo man Seite um Seite umblättert, ohne richtig zu merken, dass man sich dem Ende viel zu schnell nähert.
Worum geht’s? Als im Jahr 1976 in Argentinien die Militärs die Macht ergreifen, muss ein regimekritischer Anwalt mit seiner Familie in einem Landhaus außerhalb von Buenos Aires untertauchen. Für die beiden Söhne, fünf und zehn Jahre alt, ist das erstmal ein großes Abenteuer – sie dürfen sich sogar Decknamen ausdenken! Wie der 10jährige Ich-Erzähler berichtet, vertrieben sich die Jungs die Zeit mit der Rettung von Kröten aus dem Swimming Pool und der Einübung von Entfesselungstricks nach Vorbild des großen Harry Houdini. Die Politik kommt nur in Nebensätzen und Andeutungen vor: Als der Vater erst nur noch von Cafés aus arbeiten kann, weil sein Büro durchsucht und verwüstet wurde, als später nicht einmal mehr das möglich ist, als die Mutter ebenfalls ihre Stelle verliert, weil sie dem Regime ebenfalls wenig freundlich gesonnen ist, als Lucas zur Familie kommt, dessen echter Name nicht Lucas ist und der eines Morgens genauso schnell wieder verschwindet, wie er gekommen ist.
Fazit: Ich glaube, es ist sehr schwer, zum Thema „Militärdiktatur“ ein schönes Buch zu schreiben. Aber interessanterweise ist „Kamtschatka“ in der Tat ein schönes Buch. Im Vordergrund steht nie die Politik, sondern immer der Alltag dieser (extrem sympathischen*) Familie, ihr Zusammenhalt und ihre Versuche, alles möglichst normal wirken zu lassen. Es geht vor allem um Anekdoten aus dem – scheinbar – ganz normalen Alltag eines Zehnjährigen, vermischt mit teils fast philosophischen Betrachtungen über das Leben, die Erde und die Geschichte, auch wenn über allem so eine dunkle Wolke hängt und man irgendwie dieses dumpfe Gefühl hat, das nicht alles so gut enden wird (wie es denn endet, wird natürlich nicht verraten!). Ich finde zwar diese Phrase etwas abgedroschen, aber sie trifft es gut: Kamtschatka ist ein warmherziges Buch, das wirklich schön zu lesen ist und bei dem man richtig mit den Protagonisten mithofft, dass alles bitte gut werden wird.
Ach ja: Was die argentinische Militärdiktatur mit der russischen Halbinsel Kamtschatka gemein hat, das wird hier natürlich nicht verraten. Denn um das rauszufinden, gibt es einen Grund mehr, das Buch auch zu lesen!
* Die Feministin in mir fand natürlich vor allem die Mutter toll, die arbeiten geht, sich politisch engagiert und mit Kochen und Hausarbeit nix am Hut hat. ;D

